Papst würdigt Schweizer Besonderheiten

Dr. Claudius Luterbacher-Maineri, Kanzler des Bistums St. Gallen.
Dr. Claudius Luterbacher-Maineri, Kanzler des Bistums St. Gallen.
08.12.2014

Alle fünf Jahre unternehmen die Schweizer Bischöfe eine Wallfahrt nach Rom. Nicht ganz freiwillig allerdings. Beim ad-limina-Besuch legen die Bischöfe beim Papst und in den römischen Kongregationen Rechenschaft über ihre Bistümer ab. So auch vom vergangenen Montag bis gestern Freitag. Schon am ersten Tag treffen die Bischöfe Papst Franziskus – und dieser sorgt mit seiner Ansprache einmal mehr für eine positive Überraschung.

 

Als kleine Sensation sind die würdigenden Worte des Papstes zur Schweizer Kirchenorganisation zu werten. Sie ist weltweit einzigartig. In fast allen Kantonen existieren parallel zu den Pfarreien und Bistümern demokratisch organisierte Kirchgemeinden und kantonale Körperschaften, im Kanton St. Gallen ist das der Katholische Konfessionsteil. Demokratisch gewählte Verwaltungsräte der Kirchgemeinden und kantonalen kirchlichen Körperschaften arbeiten mit den Seelsorgenden in Pfarreien und den Verantwortlichen in den Bistümern zusammen. Dass ein Papst wünscht, dass diese Schweizer Besonderheit  „ruhig weitergeführt werden“ soll und sie als „Reichtum in einer besonderen Zusammenarbeit“ würdigt, ist noch nie vorgekommen. Damit nimmt er die Haltung des Bischofs von St. Gallen und weiterer Bischöfe in der Schweiz auf und bestätigt sie in ihrer positiven Zusammenarbeit mit diesen staatskirchenrechtlichen Organisationen. Zur Weiterentwicklung dieses Systems verweist Papst Franziskus auf das Ergebnis der Arbeit einer Fachkommission der Schweizer Bischofskonferenz. Das Dokument mit dem Titel „Vademecum“ hat in der Schweiz für Schlagzeilen gesorgt. Die gemeinsame Umsetzung dieser Ergebnisse unterstützt der Papst. Auch damit unterstreicht er: Das Bewährte soll weitergeführt und weiterentwickelt werden.

 

In den Kirchgemeinden setzen sich viele Mitglieder aktiv und meist ehrenamtlich für die Kirche ein. Sie sind nicht zum Priester geweiht und heissen deshalb in der Kirchensprache Laien. Auch in den Pfarreien arbeiten Laien als Seelsorgende. Sie sind allerdings ausgerüstet mit einem Theologiestudium. Diese verantwortungsvolle Mitarbeit von Nicht-Priestern stellt eine weitere Besonderheit der Schweiz dar, was den Bischöfen gerade bei ad-limina-Besuchen schon harsche Kritik eingebracht hat. Umso bemerkenswerter die Worte von Papst Franziskus: „Ihr habt die notwendige Zusammenarbeit zwischen Priestern und Laien entfaltet. Die Sendung der Laien in der Kirche hat einen bedeutenden Stellenwert, denn sie tragen zum Leben der Pfarreien und der kirchlichen Einrichtungen bei, sei es als hauptamtliche oder ehrenamtliche Mitarbeiter. Es ist  gut, ihr Engagement zu würdigen und zu unterstützen.“ Das sind ermutigende Worte, wie die Papstansprache insgesamt. Immerhin kommt im Redetext das Wort Ermutigung vier Mal vor.

 

Der Papst findet aber auch mahnende Worte. In der katholischen Kirche gibt es eine grosse Vielfalt, es gibt sie aber immer in der Einheit. Der Bischof von Rom ist als Papst ein sichtbares Zeichen dieser Einheit. So weist Papst Franziskus die Schweizer Bischöfe darauf hin, den Unterschied zwischen Priestern und nicht zum Priester geweihten Gläubigen und Mitarbeitenden zu wahren.

 

Interessant ist auch eine andere Ermahnung: Die Kirche soll vermeiden, von Einrichtungen abzuhängen, die ihr durch wirtschaftliche Mittel einen Lebensstil auferlegen könnten, der das Evangelium verdunkelt. Eine klare Botschaft des argentinischen Papstes an ein reiches mitteleuropäisches Land. Dass die Kirche finanzielle Mittel für die Erfüllung ihrer Aufgaben braucht, ist unbestritten. Papst Franziskus beispielsweise verkauft Geschenke, um mit dem Erlös karitativ zu wirken. Das Geld darf aber nicht Selbstzweck werden. Die kirchlichen Aufgaben in der Verkündigung, der Feier des Glaubens und der Caritas sollen im Vordergrund stehen und den Lebensstil der Kirche ausmachen. Geldgier und Prunkpalästen wird hier eine Abfuhr erteilt. Ob der Papst bestimmte Einrichtungen vor Augen hat, in denen er hierzu eine Gefahr sieht, verrät der Redetext nicht. Sie besteht wohl überall, wo Geld im Spiel ist. Gerne würde man dem Papst erwidern, dass bei einer solidarischen Finanzierung der Kirche durch Kirchensteuern wie in der Deutschschweiz die Gefahr der Abhängigkeit kleiner ist als an Orten, wo die Kirche durch wenige, wichtige Sponsoren versorgt wird von denen alles abhängt. Diese Diskussion findet aber leider ohne den Papst statt – er hat nebst der Schweiz noch den Rest der Welt zum Thema.

 

Claudius Luterbacher

Kanzler

 
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