Appenzeller Kirchgemeinden zahlen ans Bistum mit

18.05.2016

Appenzeller Kirchgemeinden zahlen ans Bistum mit

Jubiläum: Appenzellerland 150 Jahre beim Bistum St. Gallen (Teil 2)

Die beiden Appenzell sind heute praktisch vollständig ins Bistum St. Gallen integriert; sie leisten seit drei Jahren ihren Beitrag an die Aufwendungen für das Bistum, nachdem sie während Jahrzehnten davon fast völlig befreit waren. (Werner Kamber/pd)

Seit 2014 entrichten die beiden Appenzell den vollen Betrag an die Aufwendungen der Kontogruppe Bistum. Das ist im Übereinkommen zwischen dem Bischof als Apostolischem Administrator sowie den Kirchgemeinden des Appenzellerlandes und dem Katholischen Konfessionsteil des Kantons St.Gallen festgehalten, das im Jahr 2013 von den Innerrhoder Kirchhören genehmigt wurde. Der Konfessionsteil ist sozusagen die Verwaltung (das Oberdach) der St. Galler Pfarreien und somit für die finanziellen Belange des Bistums zuständig. Damit das Übereinkommen in Kraft treten konnte, mussten alle Innerrhoder Kirchgemeinden zustimmen sowie in Ausserrhoden der Zentralrat.

 

Keine Mitsprache – Rabatt von 50 %

Die Kirchgemeinden der beiden Appenzell beteiligen sich aber anteilmässig lediglich an den Aufwendungen unter der Rubrik Bistum. Und zwar gezielt an den Aufwendungen, von denen sie auch profitieren können. Das sind, zusätzlich zu Ordinariat und Kanzlei, beispielsweise die Fachstellen Katechese sowie Partnerschaft-Ehe-Familie, nicht aber, beispielsweise, die Hilfe an die Dritte Welt. Dabei gibt es zwei Besonderheiten: Erstens erhalten die Appenzeller einen Rabatt von 50 %, und zwar als Folge der fehlenden Mitbestimmung (die Budgethoheit liegt nämlich ausschliesslich beim Katholischen Kollegium St. Gallen). Das hängt damit zusammen, dass die beiden Appenzell durch den Bischof von St. Gallen bloss administriert werden. Zweitens werden verschiedene Ausgabenpositionen nicht mitberücksichtigt, so zum Beispiel Spital-, Gefängnis- oder Anderssprachigenseelsorge, oder auch die Kirchenmusik am Gallustag in der Kathedrale.

2015 zahlten die Innerrhoder Kirchgemeinden rund 103 000 Fr., wovon mehr als die Hälfte (64 000 Fr.) auf den «Moritz» entfiel; Ausserrhoden hatte 125 000 Fr. zu entrichten. Der Verteilschlüssel unter den Kirchgemeinden richtet sich ausschliesslich nach der Zahl der Katholiken. Zusätzlich hat Ausserrhoden auch ans «PfarreiForum» beizutragen, das diözesane Pfarrblatt, das in einer Auflage von 111 000 Exemplaren den Grossteil der Pfarreien des Bistums beliefert – ein Betrag, der für Innerrhoden selbstverständlich entfällt. Denn die Innerrhoder Pfarreien befinden sich mit den zwei Seiten Pfarrblatt jeden Samstag im «Volksfreund» in einer komfortablen Lage; das «PfarreiForum» erscheint lediglich jeden Monat.

 

Kirchgemeinden zur Mitfinanzierung verpflichtet

Vor diesem Übereinkommen entrichteten die Kirchgemeinde Appenzell und die Aussengemeinden in den Jahren zuvor einen freiwilligen jährlichen Beitrag ganz zielgerichtet an die «Bischöfliche Mensa», also sozusagen einen Beitrag an den Lebensunterhalt des Bischofs. Das hängt mit der Geschichte zusammen: Als das Appenzellerland  im Jahre 1866 von der Diözese Chur zum Bistum St. Gallen wechselte, verfasste der damalige Apostolische Administrator, Bischof Carl Johann Greith,  ein Antrittsschreiben. Darin betonte er, an der Situation, wie sie in Chur bestanden habe, solle nichts geändert werden, so dass «infolge dieses Wechsels dem Lande keinerlei Lasten erwachsen».

In diesen 150 Jahren hat sich indessen Vieles geändert. So stellte ein Gutachten von alt Bundesgerichtspräsident Giusep Nay vom Februar 2012 fest, dass es heute «die Aufgabe der Kirchgemeinden ist, ihre Seelsorge und auch jene, die einem Bischof obliegt, zu finanzieren und sie verpflichtet sind, die Kirchensteuer dafür zu verwenden».

Nay beendete damit eine Diskussion, ob Appenzell von dieser Pflicht der Mitfinanzierung befreit sei, als Folge eines «Urvertrags» von 1866. Nay legte dar, dass es erstens keinen solchen Vertrag gibt, sondern lediglich die Formulierung, der Wechsel vom Bistum Chur zum Bistum St. Gallen dürfe «keine neuen Lasten» bringen, was damals auch nicht der Fall war. Zweitens sei die Finanzierungsbasis eines Bistums und der Seelsorge damals ganz anders gewesen als heute mit den Kirchensteuern.

 

Übereinkommen von 2013

In der Folge wurde ein Übereinkommen abgeschlossen zwischen dem Bischof als Apostolischem Administrator für beide Appenzell einerseits, sowie dem Katholischen Konfessionsteil des Kantons St. Gallen, dem Verband römisch-katholischer Kirchgemeinden des Kantons Appenzell Ausserrhoden und den Katholischen Kirchgemeinden Innerrhodens anderseits (Auf reformierter Seite ist der Zusammenschuss weit einfacher: Da gibt es die Evangelisch-reformierte Landeskirche beider Appenzell). Das Übereinkommen regelt die Beitragsleistungen aus dem Appenzellerland an die Aufwendungen des Bistums St. Gallen. Dem Übereinkommen wurde an allen Innerrhoder Kirchhören 2013 zugestimmt. Seit 2014 wird der volle abgemachte Betrag bezahlt, nachdem er in den Vorjahren sukzessive erhöht worden war.

 

Baumeister aus Herisau für St. Mauritius

(ka) In seinem Gutachten befasste sich alt Bundesgerichtspräsident Giusep Nay auch mit den sogenannten Diözesanfonds. Mit der Enteignung des Bistums Konstanz gingen die auf dem Gebiet der Eidgenossenschaft liegenden Teile an die betreffenden Kantone über. Zudem wurde ein Betrag von 300 000 Gulden abgezweigt, zweckbestimmt für die Errichtung eines künftigen Schweizer Bistums (also eines Erzbistums, das es bis heute nicht gibt). Die betroffenen Kantone erhielten je einen Anteil von diesen 300 000 Gulden; sie errichteten sogenannte Diözesanfonds. (Um 1700 besass ein Gulden etwa die Kaufkraft von 60 - 70 Franken. 1747 musste beispielsweise für einen Gulden ein Meister zwei Tage, ein Geselle etwa 2½ und ein Tagelöhner drei Tage zu jeweils 13½ Arbeitsstunden an den herrschaftlichen Bauten arbeiten.) Solche Fonds gibt es in einigen Kantonen immer noch; sie werden entweder durch den Kanton oder die Kantonalkirche in der Rechnung ausgewiesen und verwaltet.

Innerrhoden wählte ein anderes Vorgehen, wie sowohl Giusep Nay als auch Pater Rainald Fischer festhalten. Nay schreibt kurz und bündig, dieses Geld sei in Appenzell «für den Bau des Kirchenschiffs 1823 -26 verwendet worden.»

P. Rainald Fischer erzählt auf den Seiten 169 - 171 seiner Fleissarbeit «Die Kunstdenkmäler des Kantons Appenzell Innerrhoden» detailliert, wie es damals zu- und herging: «Der Wille, den spätgotischen Kirchenbau zu modernisieren, entsprang nicht so sehr einem veränderten Stilgefühl als der Notwendigkeit, mehr Plätze zu gewinnen und baufällige Partien erneuern zu müssen... An ordentlichen und ausserordentlichen Kirchhörinen wurde viel diskutiert und wenig beschlossen... Am 7. Dezember 1823 beschloss die Kirchhöre unter Zuzug der Gontner und Hasler nach mehrmaliger Abstimmung den Bau eines neuen Kirchenschiffes...».

Zur Finanzierung wurde eine Sondersteuer auf Pfandbriefen erhoben. Zudem (und jetzt wird der Bogen zur Diözese Konstanz geschlagen): «Der Grosse Rat verwendete eigenmächtig den appenzellischen Anteil am schweizerischen Diözesanfonds und einen Teil des Wiener-Kongress-Geldes an den Kirchenbau». Gemäss Kaplan Stark («900 Jahre Kirche und Pfarrei St. Mauritius Appenzell») handelt es sich beim Wiener-Kongress-Geld um die Entschädigung für die Ablösung der herrschaftlichen Rechte in der Landvogtei Rheintal.

P. Rainald Fischer zeigt auf, wie nötig eine Renovation/ein Neubau des Kirchenschiffes war: 1806/07 wurde die Kirchenmauer an der Gasse zwischen den Torbögen und der Metzibrücke ausgebessert.  1819 wurde die sitterseitige Kirchenmauer von einem Hochwasser unterspült; für den Wiederaufbau wurde das Geld verwendet, das seit 1817 für die Finanzierung des neuen Kirchenschiffes aufgetrieben worden war.

Bemerkenswert dabei: Der Baumeister wurde vom Grossen Rat bestimmt: Es war Enoch Breitenmoser, ein Toggenburger, in Herisau ansässig; «er logierte teilweise in Appenzell».

Der erste Gottesdienst in der neuen Pfarrkirche wurde an Weihnachten 1825 gefeiert.

 

Jubiläum

Am Sonntag, 22. Mai, wird ein sehr spezielles Jubiläum gefeiert: Die Zugehörigkeit beider Appenzell seit 150 Jahren zum Bistum St. Gallen. Zu diesem Anlass veröffentlichen wir zwei längere Artikel: Im ersten geht es um die geschichtliche Entwicklung, bis die beiden Appenzell provisorisch zum Bistum St. Gallen kamen; im zweiten geht es vorab um finanzielle Aspekte, die Mitfinanzierung ans Bistum, die seit 2013 vertraglich geregelt ist.

 

Bildlegende

Der Brief, den Pfarrer und Kommissar Knill am 6. Juni 1866 der Standeskommission schrieb und damit den Wechsel vom Bistum Chur zum Bistum St. Gallen mitteilte. Der wesentlichste Punkt darin: Der hl. Vater habe «die provisorische kirchliche Verwaltung» von katholisch Appenzell dem Bischof von Chur abgenommen und dem Bischof von St. Gallen übertragen, und zwar zu den gleichen unveränderten Rechten und Bedingungen wie es unter Chur bestanden, so dass nichts als die bevollmächtigte Person geändert» habe.

Bild: Landesarchiv Appenzell

 
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