Von Konstanz ins st.gallische «Provisorium»

18.05.2016

Von Konstanz ins st.gallische «Provisorium»

Jubiläum: Appenzellerland 150 Jahre beim Bistum St. Gallen (Teil 1)

Seit genau 150 Jahren gehört das Appenzellerland zum Bistum St. Gallen. Diese 150 Jahre sind eine ruhige Epoche. Stürme gab es früher, bis es nach der Loslösung vom Bistum Konstanz so weit war – nach Jahrhunderten im Bistum Konstanz verliefen die Jahrzehnte zwischen 1803 und 1866 ziemlich bewegt. (Werner Kamber/pd)

Das Appenzellerland gehörte Jahrhunderte lang zum Bistum Konstanz, das im Mittelalter eine wichtige Rolle spielte in Europa. Zum einen rein gebietsmässig: Es war im 15. Jahrhundert das grösste Bistum Deutschlands; mit 45 000 km2 wies es die grössere Fläche auf als die moderne Schweiz mit 41 300 km2 und umfasste 1700 Pfarreien (im Bistum St. Gallen sind es derzeit 142)! Fast die gesamte deutschsprachige Schweiz gehörte bis 1814 dazu: Vom Gotthardmassiv bis zur oberen Donau, vom Rhein bis an die Iller sowie das Gebiet der östlich der Aare gelegenen Nord-, Zentral- und Ostschweiz.

Viele Kirchenlieder und Traditionen in den heutigen Bistümern Freiburg i. Br., Rottenburg-Stuttgart, Chur und St. Gallen stammen aus der Blütezeit unter Bischof Dalberg und Bistumsverweser Wessenberg.

Das Bistum Konstanz war 585 gegründet worden, vermutlich um die Alemannen missionieren zu können; der damalige Bischofssitz von Vindonissa (Windisch) wurde eigens nach Konstanz verlegt. Die Reformation führte dann zum Verlust der Bischofssitze Basel (ab 1528 in Pruntrut), Lausanne (ab 1615 in Freiburg) und Genf (ab 1568 in Annecy).

 

Ausserrhoden hat heute mehr Katholiken

Als Folge der Reformation und der Landteilung gab es allerdings im 16. Jahrhundert nur noch in den innern Rhoden Katholiken, in den äussern Rhoden ausschliesslich Protestanten. Das blieb in Ausserrhoden so bis 1832. Damals wurde am 29. April mit einem Landsgemeindebeschluss die Niederlassungsfreiheit für Katholiken eingeführt – sofern sie aus Kantonen kamen, die Gegenrecht hielten.

Bereits 1834 gab es auf knapp 40 000 Einwohner rund 400 Katholiken, wie Staatsarchivar Peter Witschi erforscht hat. Die Zahl stieg stetig: 1850 waren es 875 Katholiken, 1900 bereits 5418, 1960 mit 10 987 eine fünfstellige Zahl, und heute sind es knapp ein Drittel der Einwohner, gemäss der Volkszählung von 2000 rund 16 300 von total 53 000 Einwohnern. Damit hat Ausserrhoden mehr Katholiken als Innerrhoden (mit 11 800 auf 15 000 Einwohner), ebenfalls gemäss Volkszählung 2000.

Die Seelsorge in Ausserrhoden erfolgte ursprünglich von den benachbarten St. Galler Pfarreien aus, also durch den Bischof von St. Gallen. Im März 1863 genehmigte der Ausserrhoder Kantonsrat ein provisorisches Abkommen. 1867 wurde mit St. Peter und Paul in Herisau die erste katholische Kirche in Ausserrhoden geweiht.

 

Provisorische Verwaltung seit 1866

Nachdem das Bistum Konstanz 1814 aufgelöst worden war, wurde Appenzell, wie andere Schweizer Gebiete auch, dem Apostolischen Generalvikar Göldlin in Beromünster LU unterstellt, kam nach seinem Tod 1819 provisorisch zum Bistum Chur und 1823 zum neuen Doppelbistum Chur-St. Gallen. 1847 wurde das Doppelbistum aufgeteilt; aber Appenzell verblieb bei Chur. Erst 1866 wurde durch Papst Pius IX. die «kirchliche provisorische Verwaltung» dem Bischof von St. Gallen übertragen, wie Standespfarrer und Kommissar Johann Anton Knill der Standeskommission schrieb. Grund für den Wechsel, gemäss Pius IX.: Appenzell sei von allen Seiten vom Bistum St Gallen umschlossen, weshalb diese neue Regelung sinnvoll sei.

Dieses Provisorium hat heute noch Bestand – wie auch verschiedene andere von Schweizer Gebieten, die ehemals zum Bistum Konstanz gehörten: Die Kantone Glarus, Ob- und Nidwalden, Uri und Zürich werden bis auf den heutigen Tag vom Bischof von Chur provisorisch administrativ verwaltet.

 

Neugestaltung Europas

Diese vielen Provisorien hängen zusammen mit den unruhigen Zeiten als Folge der napoleonischen Eroberungszüge quer durch Europa und der anschliessenden Neugestaltung Europas. Die Französische Revolution und die Säkularisation der Reichskirche 1802/03 zerstörten die jahrhundertealte Ordnung der grenzübergreifenden Bistümer. Es gab eine kirchliche Neuordnung nach nationalstaatlichen Prinzipien. Zudem erfolgten grössere Landabtretungen. Napoleon verlangte erfolgreich die linksrheinischen Gebiete; die Fürsten, welche Gebiete abtreten mussten, wurden entschädigt – auf der rechten Seite des Rheins. Dies geschah durch Säkularisation kirchlicher Herrschaften (Enteignung wäre wohl der zutreffende Ausdruck dafür!). Zusätzlich wurden die geistlichen Fürstentümer aufgelöst. Auch andere Besitztümer der Kirche, wie Klöster oder die bisherigen fürstbischöflichen Residenzen, wurden enteignet und fielen an weltliche Landesherren. Zusätzlich wurden auch Herrschaften des Heiligen Römischen Reiches durch grössere Territorialstaaten annektiert. Auch das Bistum Konstanz wurde im Februar 1803 säkularisiert. Die Besitzungen des Bistums, die auf Schweizer Gebiet lagen, gingen an die betreffenden Kantone über.

 

Exakte rechtliche Stellung der beiden Appenzell

(ka) Appenzell werde vom Bischof von St. Gallen  nur provisorisch administriert, heisst es oft. Alt Bundesgerichtspräsident Giusep Nay hat in einem Gutachten von 2012 die Stellung Appenzells zum Bistum St. Gallen rechtlich exakt untersucht. Der Ausdruck sei nicht zutreffend, schreibt er. Appenzell sei seelsorgerlich für dauernd dem Bischof von St. Gallen anvertraut. «Materiell kann man sagen, sind die Katholiken dem Papst direkt unterstellt, formell indessen doch nur indirekt über den Bischof von St. Gallen als dessen Stellvertreter.»

Nay zitiert das päpstliche Jahrbuch, in dem weltweit einerseits die Diözesen, anderseits die Apostolischen Administraturen in separaten Rubriken aufgeführt werden. Dabei sei Innerrhoden (und das Gleiche gilt auch für Ausserrhoden) nicht als Apostolische Administratur aufgeführt, genau so wenig wie die bereits erwähnten Kantone Glarus, Ob- und Nidwalden, Uri und Zürich. Sie alle seien als Teile der entsprechenden Diözesen miterfasst. «Das zeigt, dass diese Bistumsgebiete auch für Rom die gleiche rechtliche Stellung haben wie die übrigen Bistumsteile».

 

Bischof von Konstanz, Kurfürst und Grossherzog

(ka) Wie drunter und drüber es damals in Europa zu- und herging, möge das Leben des damaligen Konstanzer Bischofs Dalberg zeigen: Als Reichsfreiherr Karl Theodor Anton Maria von Dalberg  (* 8. Februar 1744 in Mannheim; † 10. Februar 1817 in Regensburg)  am 17. Januar 1800 regierender Fürstbischof von Konstanz wurde, war die alte Ordnung bereits am Zusammenbrechen. Am 25. Juli 1802 wurde er auch noch der letzte regierende Kurfürst-Erzbischof von Mainz und Bischof von Worms, allerdings nur noch in den rechts des Rheins gelegenen Gebieten.

Als Erzbischof von Mainz war er von 1802 bis 1803 Kurfürst. Durch den Reichsdeputationshauptschluss 1803 wurde er als Kurerzkanzler mit den neu für ihn geschaffenen Fürstentümern Aschaffenburg und (bis 1810) Regensburg sowie mit der Grafschaft Wetzlar ausgestattet. Nach dem Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation (1806) wurde er Fürstprimas des Rheinbundes, und sein Staatsgebiet wurde um Besitzungen im Spessart und um Frankfurt am Main erweitert. 1810 musste er auf das Fürstentum Regensburg verzichten und erhielt stattdessen die Fürstentümer Fulda und Hanau sowie den Titel Grossherzog von Frankfurt.

 

Jubiläum

Am Sonntag, 22. Mai, wird ein sehr spezielles Jubiläum gefeiert: Die Zugehörigkeit beider Appenzell seit 150 Jahren zum Bistum St. Gallen. Zu diesem Anlass veröffentlichen wir zwei längere Artikel: Im ersten geht es um die geschichtliche Entwicklung, bis die beiden Appenzell provisorisch zum Bistum St. Gallen kamen; im zweiten geht es vorab um finanzielle Aspekte, die Mitfinanzierung ans Bistum, die seit 2013 vertraglich geregelt ist.

 

Bildlegende:

Diese Karte zeigt, wie gross das Bistum Konstanz vor der Reformation war. Begrenzt  wurde es (im Uhrzeigersinn) von den Diözesen Würzburg, Augsburg, Chur, Lausanne, Basel, Strassburg, Speyer.

Karte: Stadt Konstanz, Stadtarchiv

 
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